Sarina Grace Scott
emotional lovestories
ALBA - Schottland Love Reihe
Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem fünften Teil meiner ALBA Reihe für dich.
Kapitel 1
Mary
Nervös zwirbele ich meine Haare zwischen den Fingern, starre auf meine Füße und spüre die Hitze in meinen Wangen. Ich höre ihr Gekicher, sie lachen mich aus. Irgendwer sagt etwas, aber ich verstehe nicht was, weil mir das Blut so laut in den Ohren rauscht. Wieder lacht jemand. Dann schubst Dana mich an.
»Du bist dran, Mary!«, zischt sie, deshalb hebe ich den Kopf und schlucke angestrengt. Die Jungs in der vorletzten Reihe flüstern etwas und die Mädchengang um Keira O’Sullivan kichert gehässig. Eigentlich sollte es mir egal sein, dass sie mir nicht zuhören, ich brauche die Bestätigung nicht. Außerdem interessieren sich die anderen Mädchen bloß für Jungs, Mode oder Kosmetik und denken nur an ihre Pläne für die nächsten Sommerferien.
Im Gegensatz zu ihnen weiß ich genau, was ich nach der Schule machen werde. Seit meinem Praktikum im Krankenhaus letztes Jahr bin ich mir sicher, dass ich Medizin studieren und Ärztin werden will. Ich habe sogar beim Schularzt ausgeholfen und werde in den kommenden Ferien wieder in der Klinik in Stornoway arbeiten.
Da ich meinen Vortrag zuhause mehrfach geübt habe, beende ich ihn, ohne mich zu verhaspeln, und wende mich an unsere Lehrerin. Mit Sicherheit war sie die Einzige, die überhaupt zugehört hat.
»Das ist toll, Mary. Es gibt wenige Mädchen, die in deinem Alter schon so genau wissen, was sie wollen.« Mrs Chisholm nimmt Stephen MacLean im Vorbeigehen einen Stift ab, mit dem er bestimmt wieder hässliche Karikaturen von mir gezeichnet hat. »Wer von euch hat einen ähnlichen Weg vor sich?«
»Ihh, nein, ich kann kein Blut sehen!«, tönt Alina, von der alle wissen, dass sie nach Keira schon mit fünfzehn die zweitgrößte Schlampe der Schule ist.
»Nein, ich will niemanden sterben sehen«, meint Colin Turner, der noch klein war, als seine Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen sind, daher verstehe ich seine Abneigung. Wer will das schon? Aber als Ärztin muss ich damit umgehen können.
»Sehr gut, Mary. Danke, dass du das mit uns geteilt hast.« Mrs Chisholm nickt mir zu. »Dana, jetzt du? Was sind deine Ziele?«
Ich atme tief durch und lasse den Blick schweifen, aber alles, was ich sehe, ist Lucas Chisholm. Er ist der Enkel des Pastors, der Sohn unserer Lehrerin und der beste Sänger, den der Chor jemals gehört hat. Er sieht unheimlich gut aus und ist größer als die meisten Jungs. Nur Colin ist noch größer, aber der sieht lange nicht so gut aus.
Lucas ist immer ordentlich angezogen, würde selbst in seiner Schuluniform als Model durchgehen. Seine blonden Haare sind im Nacken kurz und die Strähnen kringeln sich zu Locken, während seine Lippen ...
Oh Gott, ich darf ihn nicht so anstarren.
Dana neben mir stammelt von einem Job, der mit Kosmetik und Schönheit zu tun hat, aber mein Blick hängt an Lucas’ Lippen. Lässig zurückgelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt, scheint er uns genau zu beobachten. Nein, nicht uns, sondern Keira O’Sullivan, die direkt neben mir steht.
Sie kam vor zwei Jahren aus Nordirland nach Harris und hat alle Jungs im Sturm erobert. Mit ihren langen roten Haaren und den grünen Augen sieht sie aus wie eine Elfe. Ich dagegen bin klein, viel kleiner als die anderen Mädchen. Mein Arsch ist, so sagen es die Jungs, wie der eines Brauereigauls, und mein Busen war schon riesig, bevor ich dreizehn geworden bin. Mein Bauch ist eine schwabbelige Rolle, oder eher mehrere ... Und egal, wie ich mich hinsetze, irgendwo kneift immer irgendetwas.
Was würde ich dafür geben, so auszusehen wie Keira oder Alina. Dann würde Lucas mich auch so anstarren, sich dabei über die Lippen lecken und ...
Oh Mann, diese Lippen.
Himmel, wie kann man in dieser blöden Uniform nur so wahnsinnig gut aussehen?
Weil ich es nicht mehr aushalte, senke ich den Blick und Dana schubst mich erneut an, als unsere Gruppe fertig ist und wir uns endlich setzen dürfen.
Als Nächstes sind die Jungs dran. Als Lucas an meinem Tisch vorbei schlendert, zieht der Ärmel seines Hemds meinen Stift mit und im Gegensatz zu den meisten in meiner Klasse, die einfach weitergehen würden, bückt er sich danach.
»Hier«, haucht er mit tiefer Stimme, bevor er sich lächelnd umdreht, um den anderen zu folgen. Er hat eine unfassbar tiefe Sprechstimme, ganz anders als beim Singen mit dem Chor. Dabei trifft er die höchsten Töne und haut damit immer wieder alle vom Hocker. Selbst mein Bruder Brian schafft es nicht so hoch und dabei dachte ich immer, er ist der beste Sänger der Welt.
Die vier Jungs, die nun vor der Tafel stehen, erzählen von den Jobs, die sie vielleicht machen werden, oder was sie sich als Beruf vorstellen können. Will träumt davon, Pilot zu werden, während Stephen weg von der Insel will, um irgendwo im Ausland viel Geld zu verdienen. In Amerika vielleicht. Colin findet fotografieren toll. Lucas ist zum Schluss dran und gibt offen zu, dass er keine Ahnung hat, was er werden will. Etwas mit Musik. Oder doch studieren. Vielleicht auch Lehrer, wie seine Oma und seine Eltern. Er gibt vor, lässig dazustehen, zuckt mit den Schultern, was alle unheimlich lustig finden, aber mir tut er irgendwie leid.
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Das Beste am Wochenende ist, dass ich keine Schule habe und niemand über mich lästern kann. Stattdessen kümmere ich mich um meine Geschwister, wir gehen zum Strand oder besuchen Mums Schwester Claire und ihre Familie, die in einem Schloss an der Nordwestküste leben.
Jeden Sonntag gehen wir, so wie alle Familien hier, in die Kirche. Brian und unser Cousin Ben singen im Chor genau wie Lucas, den ich so auch außerhalb der Schule sehen kann. Er sieht mich natürlich nicht. Warum auch? Ich bin ja unsichtbar.
Nach dem letzten Gebet und noch einem Lied des Chors verabschieden wir uns von Rebecca Jones, die heute wieder allein den Gottesdienst besucht hat, weil ihr Mann irgendwo auf der Welt Konzerte gibt. Nathan Jones ist Musiker und ich wette, die Jungs im Chor träumen alle davon, irgendwann mal so berühmt zu werden wie er. Was natürlich Quatsch ist, denn wer will schon ein paar Jungs von einer winzigen schottischen Insel hören.
Mum setzt meinen Bruder Marvin in den Kinderwagen und ich hebe seinen Zwilling Tobi auf die andere Seite meiner Hüfte, weil der kleine Wirbelwind nie stillhalten kann und dadurch echt schwer zu tragen ist. Mum nimmt ihn mir ab und setzt ihn neben seinen Bruder in den Doppelwagen.
»Danke, Liebes«, murmelt sie, als ich ihr die Tasche gebe und wir die Kirche verlassen. Am Ausgang steht Pastor Chisholm, reicht Mum zum Abschied seine Hand und bringt die Zwillinge mit einer Grimasse zum Kichern. Brian und Ben rennen durch den Vorraum der Kirche, deshalb muss Pastor Chisholm sie ermahnen, vorsichtiger zu sein.
»Gehst du mit uns, Brian?«, fragt Mum, nachdem Brian uns erreicht hat. Jeden Sonntag besuchen wir nach dem Gottesdienst das Grab unseres Vaters.
Brian schüttelt den Kopf. Er war schon immer wortkarg und hat sich wegen seines Sprachfehlers auf das Nötigste beschränkt, aber seit Dads Unfall spricht er kaum noch.
»Bitte, Schatz, dein Dad freut sich sicher«, fleht Mum, aber Brian schüttelt erneut den Kopf und huscht zurück in die Kirche. Dort fühlt er sich sicher, weil er Musik machen und singen kann. Mum wirft Pastor Chisholm einen verzweifelten Blick zu. Seitdem unser Vater vor einem Jahr gestorben ist, versucht sie alles, um unsere Familie zusammenzuhalten, und hat sicher das Gefühl, Brian nicht zu erreichen.
Unser Pastor nickt uns zu, wünscht uns einen schönen Sonntag und verschwindet ebenfalls in der Kirche. Mum hofft inständig, dass er Brian zum Reden bringt. Oder Ben, unser Cousin, der nach Jahren in Edinburgh wieder bei uns auf der Insel lebt und einen engen Draht zu Brian entwickelt hat.
Seufzend wendet Mum den Kinderwagen und schiebt ihn über den Schotterweg zum Friedhof, während Nicole und ich links und rechts von ihr gehen, als müssten wir sie beschützen. Wir entdecken Fiona Turner, die das Grab ihrer Eltern besucht und biegen dann um die Ecke, bis wir das Ostende des Friedhofs erreichen. Nicole legt einen winzigen Blumenstrauß auf die kalte Erde und Mum rupft ein paar ungebetene Grashalme weg, bevor sie auf den Grabstein mit Dads Namen starrt. Bestimmt muss sie sich zwingen, vor ihren Kindern nicht zu weinen, aber ich reiche ihr trotzdem ein Taschentuch. Ich habe immer welche dabei, weil ich jedes Mal weine. Mum legt ihre Hand um meine Schultern und nickt mir zu.
»Danke, Schatz.«
Die Zwillinge brabbeln etwas, was wir nicht verstehen, aber vielleicht kann Dad sie hören und ist stolz auf seine Kinder und seine Frau. Meine Mutter ist nämlich die stärkste Frau der Welt.
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Nachmittags sitze ich auf der Bank in der Nähe der Kirche, als Pastor Chisholm mich entdeckt. »Hallo Màiri, was machst du denn hier?« Er spricht meinen Namen immer gälisch aus.
»Ich war nochmal bei Dad«, murmele ich und klappe mein Notizbuch zu.
»Und jetzt schreibst du deine Gedanken auf?« Er deutet auf das Buch.
»Ja. Manchmal reicht es nicht, mit ihm zu sprechen, dann schreibe ich es auf, um es ihm vorzulesen.«
Wenn Lucas’ Großvater lächelt, entblößt er eine Zahnlücke, die ihn ein bisschen unheimlich aussehen lässt.
»Darf ich?« Er deutet auf die Bank.
»Natürlich.«
Er setzt sich neben mich und beobachtet einen Augenblick die Wolken am grauen Himmel. Es hat heute Mittag schon geregnet, und jetzt sieht es wieder so aus, als würde gleich die Welt untergehen.
»Was erzählst du deinem Vater?«, fragt der Pastor. Er nickt zu meinem Buch. »Oder was schreibst du ihm?«
»Alles«, antworte ich. »Von der Schule, von Mum, von den Zwillingen, von Brian und Nic, von ...« Ich sage ihm nicht, dass ich meinem Vater auch von Lucas erzählt habe.
»Und? Antwortet er?«, will er wissen.
»Nein, er ...« Ich starre ihn verwirrt an, weil ich ihm nicht sagen will, dass mein Vater tot ist, denn das weiß er natürlich. Tote können nicht antworten, sie müssen sich nur den Blödsinn anhören, den ihnen die Lebenden erzählen. »Er ist nicht hier.«
Pastor Chisholm reicht mir ein Taschentuch.
»Danke«, murmele ich, weil ich gar nicht gemerkt habe, dass ich weine.
»Weißt du, Màiri, dein Dad ist vielleicht nicht mehr hier bei uns.« Er legt seine Hand auf meine. »Aber er ist immer da und ich bin mir sicher, dass er dir sehr genau zuhört.«
Ich putze mir die Nase und nicke langsam. Vielleicht hat er recht, aber ich vermisse es, mit Dad zu lachen, zu spielen und mich vor ihm zu verstecken. A bhana-phrionnsa(*FN* Meine Prinzessin*FN*), so hat er mich immer genannt. Seine Prinzessin. Nachdem Nicole geboren wurde, waren wir beide seine bana-phrionnsachaibh(*FN* Meine Prinzessinnen*FN*).
»Kommst du mit rein?«, fragt Pastor Chisholm, während er sich seinen Hut tiefer ins Gesicht zieht. Ich habe nicht registriert, dass es angefangen hat zu regnen. Er steht auf, reicht mir seine Hand, und wir beeilen uns, in die Kirche zu kommen.