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BELIEVE - Thando heißt Liebe

Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem dritten Teil meiner BELIEVE Reihe für dich.

Kapitel Eins

 

Kayleen


»Morgen«, murmelt Jake, als er gähnend in die Küche schlurft, und ich eilig Danielles Löffel zur Seite lege. 
»Morgen, oh, sorry, haben wir dich geweckt? Wir wollten gerade gehen.« Schnell krame ich meine Sachen zusammen und stehe auf.
»Jay!«, quakt Danielle fröhlich, während sie ihm ihren Plastiklöffel zeigt.
»Ach was, nein.« Jake winkt ab. »Bleib doch noch.« Er wendet sich wieder zu mir. »Möchtest du Kaffee?« Besser nicht. Gestern Abend habe ich Danielle im Gästezimmer ins Bett gebracht, um selbst noch ein bisschen zu feiern. Irgendwann heute Morgen habe ich mich kurz neben sie gelegt und wollte eigentlich verschwinden, bevor Jake aufwacht. Jetzt steht er in scheinbar uralten Jogginghosen, einem ausgeblichenen Shirt mit ausgefransten Ärmeln und verstrubbelten Haaren in seiner Küche. Überall stapeln sich Bierflaschen, benutzte Gläser und Pizzakartons, auf dem Boden neben dem Kühlschrank ist ein Fleck, der aussieht, als hätte jemand einen Fruchtcocktail verschüttet. Na ja, das hoffe ich zumindest. Die Geburtstagsparty war wirklich lustig, ich habe viele Leute kennengelernt und Danielle hat sich gefreut, im Mittelpunkt zu stehen. Alle fanden sie süß, haben mit ihr gespielt und Jake hat sie durch die Luft gewirbelt, bis ihr Babylachen den ganzen Raum erfüllt hat. Er hat das gemacht, was Danny hätte machen sollen. Danny hätte Danielle und mich auf diese Party begleiten und mit unserer Tochter herumalbern sollen. Er hätte mich geküsst, wir hätten getanzt und … aber Danny ist tot und Jake ist … Ich sehe ihn wieder an. Jake ist hier. Er ist nett. Auch an einem verschlafenen Morgen, nach einer langen Party, sieht er unverschämt gut aus. Er ist zuvorkommend. Er liebt Danielle und sie vergöttert ihn. Extra für meine Tochter hat er das Gästezimmer in der unteren Etage der Wohnung hergerichtet, damit ich die Party genießen konnte. Seine Kollegen, die auf der Galaveranstaltung seiner Firma schon davon ausgegangen sind, dass ich seine Verlobte bin, haben lautstark verkündet, dass die nächste Party unsere Hochzeit sein wird. Mir war das furchtbar unangenehm und ich hätte am liebsten alles aufgeklärt, aber Jake hat nur den Arm um mich gelegt und mir mit kratziger Stimme ins Ohr geflüstert, dass er gerne noch ein bisschen länger mit mir verlobt bleiben möchte. Dabei haben seine Lippen meine Wange berührt und mich damit endgültig aus dem Konzept gebracht. »Kay?« Jakes raue Stimme holt mich aus meinen Gedanken. 
»Hm, was? Sorry.« Sofort schießt mir das Blut in die Wangen und Danielle zappelt auf meinem Schoß.
»Ob du Kaffee möchtest?« Diese Augen. Ich setze Danielle auf den Boden und reiche ihr den Plastiklöffel, mit dem sie zuvor gespielt hat. 
»Ja, gerne«, murmele ich und Jake dreht sich grinsend um. Seine Arme sind braun gebrannt, seine Füße barfuß und die Muskeln in seinen Armen spannen sich an, als er nach zwei Kaffeetassen aus dem Schrank angelt. 
»Ich geh’ Danielle schnell wickeln.« Eilig schnappe ich mir meine Tochter und flüchte aus der Küche. Danielle quengelt, weil sie lieber bei Jake geblieben wäre, aber ich fühle mich unwohl in seiner Nähe. Erst, als die Tür zum Gästezimmer hinter mir ins Schloss fällt, merke ich, dass ich die Luft angehalten habe. Jake macht mich nervös. Immer wieder. Von innen lehne ich mich gegen die Tür und schließe kurz die Augen.
»Mommy!« Danielles Stimme holt mich zurück.
»Ja, Schatz. Wir müssen dich sauber machen.« Dabei habe ich sie gewickelt, bevor wir vorhin nach oben gegangen sind. Immer wieder muss ich an Jakes Hände denken, die mich festgehalten haben. Ich setze Danielle aufs Bett und krame in der Tasche nach einer frischen Windel. Mit ihrem Äffchen, das sie überall dabei haben will, legt sie sich auf den Rücken und strampelt mit den Beinen in der Luft. Warum muss ich immer wieder an diesen Kuss denken?
»Jay!«, quakt Danielle jetzt und streckt ihre nackten Füße in die Luft. Es hatte nichts zu bedeuten. Die Windel ist natürlich trocken, deshalb ziehe ich ihre Strumpfhose wieder hoch und stülpe ihr eine winzige Jeans über, die ich vorhin hier unten gelassen hatte. Gestern beim Tanzen war er so nah bei mir, dass ich seinen Atem in meinem Gesicht gespürt habe. Ich setze meine Tochter auf, stecke ihre Füßchen in die Turnschuhe und sie legt zärtlich ihre vom Frühstücksbrei klebrigen Hände an meine Wangen. In ihren Augen sehe ich Danny. Jedes Mal. Er hat gesagt, ich soll es auf mich zukommen lassen. Es ist ihm schwergefallen, das weiß ich, aber vielleicht hat er ja recht. Schnell wische ich Danielles Finger ab und packe die Feuchttücher wieder weg, bevor ich sie auf den Arm nehme und seufzend aufstehe, weil ich mich nicht länger hier unten verstecken kann. 
Oben in der Küche duftet es nach frischem Kaffee und Croissants. Jake dreht sich mit einem Brotkorb in den Händen und einem sexy Lächeln auf den Lippen um. 
»Da bist du ja wieder.« Er stellt den Korb auf den Tisch. Mit Danielle auf dem Schoß setze ich mich auf den gleichen Platz, auf dem ich vorhin schon gesessen habe und lasse meinen Blick über Jakes Rückansicht wandern. Breite Schultern. Starke Arme. Er ist größer als ich. Auch größer, als Danny es war? Das Shirt rutscht nach oben, als er im Regal nach zwei Gläsern greift, deshalb senke ich verlegen den Blick und reiche Danielle den Becher zu ihrem Löffel. Jake holt Orangensaft aus dem Kühlschrank, bevor er sich zu uns an den Tisch setzt und Kaffee einschenkt. 
»Heiß, Dani. Pass auf.« Er schiebt seine Tasse weit genug weg, damit sie diese nicht mehr erreicht und wendet sich zu mir. »Brauchst du Zucker?« 
»Ja, äh. Bitte.« Ich versinke in seinen Augen. »Und Milch, wenn du hast.«
»Klar.« Er springt wieder auf. Danielle klopft in der Zwischenzeit mit dem Löffel auf den Tisch. Jake reicht mir die Milch und holt Zucker aus dem Regal über der Spüle, bevor er wieder Platz nimmt. 
»War ein sehr schöner Abend gestern, oder?« Unsere Hände berühren sich, als wir beide gleichzeitig nach den Croissants greifen, deshalb ziehe ich meine zurück, aber er reicht mir den Brotkorb. 
»Hier, bitte.«
»Danke. Ja, es war schön.« Diese Augen. Ich nehme ein Croissant und angel nach der Schokoladencreme. »Dani, Schatz, schau mal, was Jake hat.« 
»Ham jam, Mommy!« Ich reiche ihr ein Stück Croissant mit Schokolade, während Jake uns über den Rand seiner Tasse hinweg beobachtet. 
»Weißt du, warum Sam und Shane so schnell verschwunden sind?« 
»Nein, keine Ahnung.« Ich beiße in das Croissant und wische mir die Schokolade aus den Mundwinkeln. 
»Schon komisch, dass Sam keinen Alkohol getrunken hat, oder?« Jake lehnt sich zurück. »Meinst du, sie ist wieder schwanger?« 
Überrascht lasse ich die Hand sinken, mit der ich gerade nach meiner Tasse greifen wollte. Sam hatte vor ein paar Wochen eine heftige Virusinfektion und diese nicht richtig auskuriert. Zumindest ist das ihre Version der Geschichte, aber Jakes Erklärung klingt auch durchaus plausibel. 
»Möglich, ja. Ich glaube, ich muss meiner Freundin nachher mal auf den Zahn fühlen.« 
»Mommy. Ham!« Danielle verlangt mit schokoverschmierten Fingern nach mehr. 
»Warte!« Jake stellt hastig seine Tasse ab und springt erneut auf. Danielle hat die Schokolade mittlerweile in ihren blonden Haaren verteilt und nicht nur die Mundwinkel, sondern auch die Nase beschmiert. Ich reiche ihr ein weiteres Stück Croissant und als Jake zurückkommt, hat er seine Kamera in der Hand. 
»Dani! Sieh mal hier!« Danielle dreht den Kopf in seine Richtung und ihre Schokofinger grabschen nach dem Objektiv.
»Bleib so, Kay!«, sagt er, nachdem ich meine Tasse genommen habe. Er drückt wieder auf den Auslöser, bevor sein Gesicht hinter der Kamera auftaucht. »Du siehst toll aus.« 
Ich spüre die Hitze in meinen Wangen und bin sicher rot bis zu den Ohren. »Hör auf damit, Jake!« 
Ich fühle mich alles andere als schön. Ich habe nicht geduscht, trage die gleichen Klamotten wie am Abend zuvor und kann nur hoffen, dass ich keinen zu schlimmen Mundgeruch habe. 
»Doch, das tust du, Kay!« Er knipst noch ein Bild von Danielle, die sich nach dem Glas mit der Schokoladencreme streckt. »Komm mit, ich zeig’s dir.« Er hält mir seine Hand hin, wodurch Danielle seinen Arm mit Schokolade verschmiert. »Du kommst auch mit, Süße.« 
Jetzt nimmt er mir meine Tochter ab. »Zuerst waschen wir die Klebefinger und dann zeigen wir deiner Mommy, wie hübsch sie ist.« Er verschwindet aus der Küche und ich stelle die Tasse ab, um den beiden zu folgen. 
»Was hast du vor?«, hake ich nach, während er sich im Bad mit meiner Tochter über das Waschbecken beugt. Sie kichert, weil er lustige Geräusche macht. 
»Warum kannst du eigentlich so gut mit Kindern umgehen?« Jake greift nach einem Handtuch. 
»Ich habe fünf Geschwister«, murmelt er mit einem gequälten Grinsen, nachdem er sich wieder zu mir umdreht. »Na ja, zumindest bin ich mit fünf Geschwistern aufgewachsen. Komm mit.« 
Ich folge ihm zu einem Zimmer am Ende des Flures, über das seine Kollegen gestern gemeckert haben, weil er es abgeschlossen hatte. Jetzt weiß ich auch warum, denn sein Büro ist total chaotisch. Überall Fotos. Einige Kameras sind aufgeschraubt und Magazine verteilen sich auf der Couch und auf dem Boden. Im Regal liegen Filmrollen und an der Wand neben der Tür hat er ein paar Bilder eingerahmt. Jake setzt Danielle auf den Boden und zieht sich seinen Stuhl an den Schreibtisch.
»Meine äh ... Geschwister haben fast alle eigene Kinder, da lernt man so einiges.« Er schaltet den PC ein und verkabelt seine Kamera.
»Wow. Dann bist du der Einzige, der noch …«
»Ich bin der Jüngste.« Jake zwinkert mir zu. »Ich habe noch Zeit.« Danielle hat seine Turnschuhe entdeckt und krabbelt quer durch das Büro. »Setz dich.« 
Er zieht einen Stuhl für mich heran, während auf dem Bildschirm erste Fotos von der Party erscheinen. Sam und Shane, die engumschlungen miteinander tanzen. Jake und Shane, die sich zuprosten. Danielle und ich, beim Abendessen. Danielles große blaue Augen, als ihr Shane ein Spielzeug reicht. Jakes Kollegen bei einer Partie Billard im Untergeschoss. Ein Kumpel von Jake und Shane zusammen mit seiner Freundin. Danielle mit einem Lolli in der Hand. Sam und ich in der Küche. Jake und Matt bei einem Trinkspiel und mein Bruder, der mir einen Kuss auf die Wange drückt. Dann die Fotos von eben. Danielles Schokofingern und ihrem verschmierten Gesicht. Eines zeigt mich von der Seite und ein weiteres meine Augen. Dazwischen wieder Danielle, die sich das Schokocroissant in den Mund schiebt, und dann eines, auf dem ich mir die Haare aus dem Gesicht streiche, während sich die Sonne, die durchs Fenster scheint, in meinem Ring spiegelt. 
»Du bist wunderschön, Kayleen.« Seine Stimme ist nur ein Flüstern, aber sie beschert mir eine Gänsehaut, während die sanften Berührungen seiner Hand mich vollends aus dem Konzept bringen. 
»Ich …«, krächze ich, aber er schüttelt den Kopf und rutscht mit seinem Stuhl ein Stück näher, bevor er meine Wange berührt und liebevoll eine Haarsträhne hinter mein Ohr streicht. Weil seine Berührungen kleine Stromschläge über meine Haut schicken, halte ich angestrengt die Luft an. Jake zieht den Stuhl näher zu sich, bevor er seine Lippen auf meine presst und seine Zunge sanft um Einlass in meinen Mund bettelt. Oh Gott. Mit beiden Händen stütze ich mich auf seinen Knien ab und schließe die Augen. Jetzt lässt er seine Finger über meine Beine wandern und vertieft den Kuss mit einem leisen Seufzen. Ich spüre seine Wärme an meiner nackten Haut, als er die Bluse ein Stückchen nach oben schiebt, deshalb löse ich den Kuss. Sofort lässt er mich los und sieht mich entschuldigend an. 
»Sorry, Kay.«
»Ich kann das nicht.« Schnell stehe ich auf, schnappe mir mein Baby und verlasse das Büro. Danielle fängt an zu weinen.
»Kay, bitte.« Jake folgt mir.
In der Küche hole ich Danielles Babytasche, werfe das Fläschchen und den Plastiklöffel unachtsam hinein. Jake greift nach meiner Hand. »Kay, es tut mir leid, ich wollte dich nicht …«
»Was?« Ich entziehe ihm meine Hand und schultere die Tasche. »Was wolltest du nicht? Mich küssen?«
Mit einem nervösen Seufzen fährt er sich durch die Haare. »Doch, das schon.« Ein schiefes Grinsen liegt auf seinen Lippen, bevor er wieder ernst wird. »Ich wollte dich nicht erschrecken.« 
»Ich muss jetzt los.« Energisch setze ich Danielle auf dem Küchentresen ab, um ihr die Jacke überzuziehen. 
»Mommy! Nei-hein!« Sie weint immer noch.
»Schatz, wir müssen jetzt gehen.« Mit Danielle auf dem Arm verlasse ich fluchtartig die Küche. Auf dem Weg nach unten verschleiern die Tränen meinen Blick, deshalb reiße ich blindlings die Wohnungstür auf, wobei hinter mir ein gerahmtes Bild zu Boden kracht und sich die Scherben überall im Flur verteilen. Ich werfe Jake einen entschuldigenden Blick zu, aber ich kann mich jetzt nicht damit beschäftigen.
»Kay, bitte, bleib noch. Ich …« Schnell setze ich meine Tochter in den Kinderwagen, der vor der Tür geparkt ist, schubse die Tasche in die Ablage und ziehe Danielle ihre Mütze an. 
»Mommy! Jay! Kuss!«, trällert sie erneut und klatscht dabei freudig in ihre Hände.
»Kayleen, bitte.« Jake hat mich erreicht, die Scherben am Boden kümmern ihn nicht, er greift nach meiner Hand. »Ich möchte dich wirklich zu nichts drängen, ich …« zärtlich berührt er meine Wange. »Ich möchte mit dir zusammen sein.« Fassungslos starre ich ihn an. Das geht nicht. Das kann nicht funktionieren. Ich … Tränen laufen mir über die Wangen.
»Ich kann das nicht, Jake.« Eilig schiebe ich den Kinderwagen zum Aufzug und Jake bleibt zurück. Als die Türen des Lifts geschlossen sind, lehne ich mich gegen die kalte Metallwand und schließe die Augen. In seinem Blick lag so viel Zärtlichkeit. Liebe. Sein Kuss war so unglaublich sanft und gleichzeitig fordernd. Seine Hände warm und vorsichtig. Ich schlucke wieder, aber der dicke Kloß, der sich in meiner Kehle gebildet hat, bleibt. Mit einem leisen Ping öffnen sich die Türen, deshalb hole ich tief Luft und bugsiere Danielles Wagen aus der Kabine.
»Alles in Ordnung, Miss?«, fragt eine ältere Dame mitfühlend, die gerade in ihre Wohnung gehen will.
Hastig wische ich mir über die Wangen. 
»Ja, alles ok.« Das ist eine Lüge. Nichts ist ok. Ich habe Jake geküsst. Wieder. Ich habe es zugelassen. Wieder. Und ja, ich wollte es sogar, obwohl ich abgebrochen habe. Warum bin ich überhaupt über Nacht geblieben? Hätte ich nicht nach Hause gehen können? Warum macht er mich so nervös? Nur Danny konnte das. Warum sieht dieser Mann so unverschämt gut aus? Seine starken Arme, die sanften Lippen und seine schönen Hände. Warum ist er nicht in Australien geblieben? Er hat gesagt, dass er mit mir zusammen sein will. Weinend betrachte ich meinen Verlobungsring, der in der kalten Novembersonne schimmert. Meint er das ernst? Er ist ein Weiberheld, der die Frauen wechselt wie andere die Klamotten. Das funktioniert nicht. Entschlossen straffe ich die Schultern und schiebe Danielles Kinderwagen die Straße entlang. Mit Seb hat es doch auch nicht funktioniert.

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