Sarina Grace Scott
emotional lovestories
REMEMBER ME -
Liebe kannst du nicht vergessen
Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem ersten Teil der REMEMBER Duologie für dich.
Eins
Der Barkeeper reicht mir den bestellten Drink und fragt meinen Vater nach seinen Wünschen, aber er winkt ab. Mit einem Zug ist das Glas leer, nur die Nervosität verschwindet trotzdem nicht. »Bereit, Junge?« Dad klopft mir freundschaftlich auf die Schultern. Nein, sollte ich sagen. Ich fühle mich beschissen und wäre am liebsten gar nicht hier. Das hier ist die Weihnachtsparty unserer Firma, nach der ich der Geschäftsführer dieses Unternehmens sein werde. Dad hat lange auf diesen Augenblick gewartet. Zu lange für seinen Geschmack, aber nicht lange genug für meinen. Ich habe mich überreden lassen, diesen Posten zu übernehmen und ehrlich gesagt, wäre es mir lieber, wenn Dad wenigstens noch eine Weile in der Firma arbeiten würde, aber seine Ärzte haben ihm nahegelegt, so bald wie möglich aufzuhören. Der Kellner hält die Flasche in die Höhe und ich nicke ihm zu. Dad taxiert mich mit seinen tiefblauen Augen, trotzdem nehme ich das zweite Glas Whisky in die Hand und schwenke die goldene Flüssigkeit darin. Es wäre besser, wenn ich nüchtern bleibe, deshalb stelle ich das Glas wieder ab und mein Vater grinst. »Ich werde zuerst ein paar Worte sagen und dich dann zu mir bitten, in Ordnung?«
»Ja.« Meine Stimme klingt kratzig, deshalb räuspere ich mich und versuche es erneut. »Ja.« Das hört sich besser an. Zuversichtlicher. Dad zwinkert mir zu und betritt über vier mit rotem Teppich bedeckte Stufen die kleine Bühne. Für diese Party haben wir den Saal eines großen Luxushotels gemietet, schließlich gibt es freudige Neuigkeiten zu verkünden. Die Firma hat nach ihrer kleinen Krise in den letzten beiden Jahren ihre Einkünfte verdoppelt, neue große Aufträge abgeschlossen und der verlorene Sohn ist zurückgekehrt. Das bin ich. Jonathan Hamilton. Bis vor zwei Jahren habe ich in New York gelebt und hatte mit der Immobilienfirma meines Vaters nichts am Hut. Lieber war ich mit teuren Autos und heißen Frauen unterwegs. Vielen Frauen. Es war das perfekte Leben. Das glaube ich zumindest. Bis zu meinem Unfall hatte ich ungefähr so viele Freundinnen wie schnelle Autos, keinen richtigen Job, und war trotzdem auf allen wichtigen Partys immer ein gern gesehener Gast. Mein Name und die Firma meines Vaters haben das ermöglicht. Das hat man mir erzählt, denn ich habe keinerlei Erinnerung an das Leben vor dem Unfall, bei dem mein eleganter, schwarzer Aston Martin und ich gegen einen Brückenpfeiler gerast sind. Nur durch sehr viel Glück bin ich überhaupt noch am Leben. Jetzt vertraut Dad mir die Firma an, und das obwohl ich gar keine Ahnung von Immobilien habe. Zwar hatte ich schon lange vor meinem Unfall angefangen, Architektur und Betriebswirtschaftslehre zu studieren, allerdings nichts davon beendet. Aber auch das weiß ich nur aus Erzählungen. Ich erinnere mich an meine Kindheit und die rebellische Teenagerzeit, kenne meine Familie und meinen besten Freund, alle anderen sind mir fremd. Manchmal denke ich, dass ich mir selbst fremd bin.
»Ich danke Ihnen allen für Ihr Kommen heute Abend.« Dads Stimme dringt wieder zu mir durch und meine Mutter kommt auf mich zu.
»Hallo Schatz, wie fühlst du dich?« Beschissen. Ich drücke ihr ein Küsschen auf die Wange und sehe sie an. Sie hat abgenommen und wirkt erschöpft, weil der Stress und die Sorgen um ihren einzigen Sohn Spuren hinterlassen haben.
»Geht schon«, brumme ich, aber es klingt nicht überzeugend. Ich bin furchtbar nervös und habe keine Lust, die Firma zu leiten. Angespannt wippe ich mit dem Fuß in schnellen Bewegungen auf und ab. Meine schwitzigen Hände wische ich mir an der Hose ab, aber es hilft nichts. Verzweifelt versuche ich etwas Luft zwischen die Krawatte und meinen Hals zu bekomme. Mum trägt ein schlichtes, schwarzes Kleid und spielt gedankenverloren mit den Perlen ihrer Kette, während sie Dad mit einem stolzen Lächeln beobachtet. Er ist der geborene Entertainer, hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen und ist stets für seine Mitarbeiter da. Er liebt seinen Job genauso wie seine Familie. Ob mich Mum auch mal so ansehen wird? Ich schlucke nervös und nippe jetzt doch an meinem Drink.
»Wie viele andere in der Branche hatten wir eine schwere Zeit, an der nicht nur die weltweite Finanz– und Immobilienkrise Sschuld war«, sagt Dad jetzt. »Das liegt jetzt hinter uns, denn wir lassen uns nicht unterkriegen.« Der Stolz in seiner Stimme ist nicht zu überhören, schließlich hat er die ursprünglich kleine Firma mit nur einem winzigen Hinterzimmer als Büro und fünf Mitarbeitern in den letzten dreißig Jahren in eines der größten Immobilienunternehmen Englands verwandelt. Wir haben sogar schon Niederlassungen in Deutschland und Frankreich und eigentlich bin ich damals nach New York geflogen, um dort geeignete Büroräume für einen zweiten Hauptsitz zu finden. Ich habe keine gefunden, weil mich die Stadt und ihre Verlockungen zu sehr abgelenkt haben. Das hat man mir gesagt. Heute die sind Mitarbeiter von allen Standorte nach London gekommen, um mich kennenzulernen. Den Hamilton, der die Firma in den Ruin wirtschaften wird, weil er keine Ahnung hat. Seufzend leere ich das Glas und Mum legt ihre Hand auf meinen Arm. Sie ist froh, dass ich hier bin und diesen Schritt machen kann. Vor ein paar Monaten wäre das undenkbar gewesen, deshalb ich bin es meiner Familie schuldig.
»Ich habe diese Firma für meine Kinder aufgebaut«, erklärt Dad und ich sehe ihn wieder an. »Für meine Tochter Alica.« Er zeigt auf Ally und ihren Mann Jeff. »Und für meinen Sohn Jonathan.« Jetzt wendet er sich zur Bar und deutet zu mir. Mein Herz hämmert wie verrückt und ich wische mir die Hände erneut an der Hose ab. Hilfesuchend blicke ich zu meiner Schwester, die ihr Glas anhebt und mir aufmunternd zunickt. Im Gegensatz zu mir hat sie schon immer in der Firma gearbeitet, deshalb wäre es ihr Job in Dads Fußstapfen zu treten. Aber sie ist seit zwei Jahren Mutter von Zwillingen und widmet sich seitdem mit Haut und Haaren der Familie. Jetzt bleibt die Firma an mir hängen. Dad winkt mich zu sich.
»Geh schon!« Mum gibt mir einen Schubs. Reiß dich zusammen, Hamilton. Ich rutsche von meinem Barhocker. Tu es für Dad. Am liebsten wäre ich unsichtbar. Für die Familie. Ich schlucke und atme tief durch, bevor ich den Fuß auf die erste der roten Stufen setze. Der weiche Teppich dämpft meine unsicheren Schritte. Wieder suche ich Allys Blick, die jetzt lächelnd beide Daumen nach oben streckt. Ich betrete die nächste Stufe und höre Dads Stimme nur gedämpft.
»Ich bin jetzt vierundsechzig Jahre alt und meine Ärzte sagen, es wird Zeit, mich aus dem Geschäftsleben zurückzuziehen.« Mit einem spitzbübischen Grinsen zeigt Dad auf seinen besten Freund und Arzt Karl Weaver. »Ich werde, da bin ich mir absolut sicher, trotzdem nicht ohne meine Arbeit auskommen und deshalb öfter vorbeischauen, als es Ihnen allen lieb ist.« Dad lacht sein tiefes, schallendes Lachen. Ich steige die letzte Stufe, die mich von der Bühne trennt hoch und wische mir erneut die Hände an der Hose ab. Sicher hören die umstehenden Mitarbeiter meinen donnernden Herzschlag.
»Ich weiß, dass mein Sohn Jonathan seinen neuen Job sehr gut machen wird.« Dads dunkle Stimme klingt durch den Raum. Er hört sich zuversichtlich an. Er hält eine Menge von mir, vielleicht sogar mehr, als ich von mir selbst. Jetzt betrete ich die Bühne und Dad streckt die Arme nach mir aus. »Zusammen mit seiner Schwester Alica wird Jonathan die Firma leiten und sie genauso erfolgreich führen wie ich in den letzten Jahren.« Ich komme mir wie ein kleiner Junge vor, der zum ersten Mal vor der Familie ein Gedicht aufsagen muss und würde am liebsten im Boden versinken. Dad legt seinen Arm um mich. »Einen Applaus für den neuen Geschäftsführer Jonathan Hamilton!« Es wird geklatscht und Dad winkt nach einem Kellner. Er drückt mir ein Glas Champagner in die Hand. »Auf dich!« Meine Stimme ist mir wohl abhandengekommen, deshalb nicke ich nur. Dad hält sein Glas in die Höhe. »Frohe Weihnachten, Leute. Danke für alles und macht weiter so!«