Sarina Grace Scott
emotional lovestories
ALBA - Schottland Love Reihe
Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem siebten Teil meiner ALBA Reihe für dich.
Kapitel 1
Mark
Der Wind pfeift heftig vom Wasser, deshalb schlage ich den Kragen meiner Jacke hoch und vergrabe beide Hände in den Hosentaschen. Mein Blick schweift über den aufgewühlten Ozean. Die Inseln in der Ferne sind heute vom Nebel verschluckt. Alles, was ich erkenne, ist Wasser, Wellen und die nahegelegene Küste. Der Foodtruck und die Brauerei haben geschlossen und auch im Hafengebäude sind lediglich die Toiletten offen.
Ein Auto braust auf den Parkplatz und ein Kerl in den neongelben Hosen mit Aufschrift der Fährgesellschaft CalMac steigt aus. Ein Dutzend Autos warten bereits auf die Fähre. Ich senke den Kopf, weil ich keine Lust habe, dass mich jemand erkennt, und schleiche zurück zum Gebäude. Drei Typen gehen durch die zwei Reihen von Autos, kontrollieren Fahrkarten und schicken zwei Bullis zum Umparken ans Ende der Schlange.
Mein Kumpel Will arbeitet in Stornoway am Hafen und nennt es CalMac-Tetris, weil sie den wenigen Platz auf den Fähren immer so gut wie möglich ausnutzen müssen.
Ich beneide die Mitarbeiter auf den Fähren oder am Hafen echt nicht. Die Kälte kriecht mir jetzt schon in die Knochen und das, obwohl Sommer ist. Ich hätte auch im warmen Auto warten können, aber ich wollte meine Heimat genießen, bevor ich meine Schwester abhole. Greta war zu einem Spiel ihrer Fußballmannschaft auf North Uist und hat das Wochenende bei unserer Tante verbracht.
Das Hupen der Fähre durchdringt den Nebel, dann taucht das Schiff auf, hupt ein weiteres Mal und die ungeduldigen Touristen starten ihre Autos. Ich warte weiter neben dem Gebäude und beobachte, wie das Wasser aufgewühlt und schließlich die Rampe mit einem Piepen heruntergelassen wird. Die Hafenmitarbeiter winken die Autos von der Fähre und es dauert, bis auch die Fußgänger die Insel betreten dürfen.
Dann beginnt das CalMac-Tetris.
»Hi Mark!« Plötzlich steht Greta mit ihrem Sportrucksack und dem breiten Zahnspangengrinsen vor mir. Ihre rotblonden Haare, wie immer zu zwei Zöpfen geflochten sind heute mit bunten Schleifen versehen. Ihre blauen Augen, die normalerweise mit der Sonne um die Wette strahlen, sind im Regenwetter dunkler, und die Sommersprossen, lassen sie jünger wirken. Greta ist vierzehn und das Mittlere von uns drei Kindern. Wir haben noch einen Bruder, Kian, er ist zwölf und ein absoluter Nerd. Ich bin der Älteste.
»Nicole wollte auf den Bus warten, aber wir können sie doch bestimmt mitnehmen, oder?«, trällert meine kleine Schwester, bevor ich registriere, dass jemand neben ihr steht.
Nicole MacDonald. Sie ist das nervigste Mädchen der Insel und kann genau wie ihr Zwilling Brian – der bei mir in der Band ist – keine Sekunde stillsitzen. Im Gegensatz zu ihm plappert sie in einer Tour und hat die Angewohnheit, immer mit dem Fuß zu wippen.
»Danke, das ist echt lieb von euch. Der Bus kommt erst in einer halben Stunde, und ich will nicht so nass werden wie vorgestern, als wir beim Spazierengehen so richtig ...« Sie bricht ab, weil Greta auf mein Augenrollen lauthals loslacht.
»Sorry«, murmelt Nicole und ich winke seufzend ab. Das wird die längste Heimfahrt überhaupt.
Greta kichert wieder, bevor die beiden Mädchen ins Auto einsteigen.
Ok, nein, Korrektur. Ein Mädchen ist Nicole nicht.
Sie wird nächsten Monat einundzwanzig und ist verdammt hübsch. Kopfschüttelnd nehme ich hinter dem Lenkrad Platz. Greta schwärmt von ihrem Spiel, das ihre Mannschaft leider verloren hat, weshalb sie noch mehr trainieren will. Nicole erzählt von ihren ersten Wochen am Polizei-College. Meine kleine Schwester saugt jede Information in sich auf wie ein Schwamm und will zuhause bestimmt auch Polizistin werden. Greta hat jedes Mal, wenn ich sie sehe, einen anderen Berufswunsch.
Die ersten Regentropfen platschen auf die Frontscheibe, deshalb wende ich den Wagen, um über die schmale Ferry Road zurück nach Leverburgh und anschließend nach Tarbert zu kommen. Ich werfe Nicole einen Blick aus den Augenwinkeln zu. Wo ist das kleine Mädchen hin, das davon geträumt hat, mal für den MI-6 zu arbeiten?
Kurz nachdem wir den Ort verlassen haben, fängt der Wagen an zu ruckeln, und ich bete inständig, dass es die alte Karre bis nach Hause schafft.
»Hast du vergessen zu tanken?«, fragt Greta von der Rückbank.
»Nein!«, brumme ich, werfe aber sicherheitshalber einen Blick auf die Tankanzeige.
»Kontrolliert hast du trotzdem«, meint Nicole lachend neben mir.
Klugscheißer.
Der Wagen ruckelt erneut, bis ich kein Gas mehr geben kann. Das Wohnmobil hinter uns hupt zuerst energisch und braust dann an uns vorbei. Ich lenke den Wagen an den Randstreifen und schlage genervt auf das Lenkrad ein.
»Verdammt, ausgerechnet jetzt!«
»Vielleicht ist die Tankanzeige kaputt?«, überlegt Nicole.
»Nein, ist sie nicht!«, fluche ich.
Hoffe ich.
»Wir bekommen nächste Woche einen neuen«, erklärt Greta von hinten. »Mark und Dad werden ihn auf dem Festland abholen und ...«
Ich lasse sie quasseln und öffne die Tür, die aber vom Wind wieder zugedrückt wird, deshalb stemme ich mich dagegen, bis ich aussteigen kann und innerhalb von Sekunden durchnässt bin.
Na toll.
Ich habe null Ahnung von Autos. Mein Handy habe ich nicht mitgenommen, weil ich eine Stunde ohne nervige Anrufe oder Nachrichten sein wollte.
Das habe ich jetzt davon.
Nicole und Greta beobachten mich durch die Windschutzscheibe. Ich öffne die Motorhaube und blicke auf einen Haufen Schläuche, Kabel und anderes Zeug, mit dem ich nichts anfangen kann.
Super, Mark.
Ich sollte wenigstens so tun, als wüsste ich, was ich hier mache. Seufzend wische ich mir den Regen aus den Augen und trotte zurück zur Fahrertür.
»Hast du ein Handy dabei?« Ich steige ein und reibe fröstelnd meine Hände aneinander.
»Der Akku is’ leer«, antwortet Nicole schulterzuckend.
»Meins ist zuhause«, verkündet Greta.
»Na toll.«
»Was hat er denn?«, fragt Nicole jetzt.
»Wer?« Stirnrunzelnd sehe ich sie an. Mir ist arschkalt, ich bin nass bis auf die Knochen und es schüttet aus Eimern, während diese verdammte Karre kurz vor ihrem letzten Tag im Hause MacAndrews den Geist aufgeben muss.
»Der Wagen natürlich«, erwidert Nicole kichernd, bevor sie sich ihre Kapuze aufsetzt und aus dem Auto rutscht. Wenn sie die Karre zum Laufen bekommt, will ich im Boden versinken. Wahrscheinlich werde ich mir das jahrelang von ihrem Bruder anhören dürfen.
»Hast du echt keinen Plan?«, will meine Schwester wissen.
»Nee«, antworte ich brummend, während ich versuche, zu erkennen, was Nicole hinter der Motorhaube macht.
»Und warum hast du dein Handy nicht dabei?«
»Ach Mann, Greta, ich wollte einfach meine Ruhe haben. Kann ich denn ahnen, dass die blöde Karre ...«
Die Tür geht wieder auf und Nicole klettert triefend nass ins Auto.
»Hast du Wasser?«
»Hä?« Irritiert starre ich sie an.
»Wasser? Du weißt schon, das, was hier vom Himmel fällt. Hast du ’ne Flasche Wasser dabei?«
»Nein, ich glaube ...«
Nicole öffnet das Handschuhfach und reicht mir einen Lappen, eine angefangene Tafel Schokolade, von der ich nicht wissen will, wie lange sie schon da drin liegt, und einen Schraubenzieher. Oder heißt das Schraubendreher? Selbst das weiß ich nicht. Bisher habe ich bei meiner Mutter in der Hotelküche gearbeitet oder bei meinem Onkel an der Bar.
»Reicht das?« Greta hält ihre Trinkflasche vom Sport in die Luft. »Ich hab noch nicht davon getrunken.«
Nicole grinst. »Ich glaube, das ist ihm egal.« Sie steigt wieder aus, und ich frage mich, warum sie das Auto anspricht, als wäre es ...
»Nicole ist cool«, schwärmt Greta. »Ich glaube, ich will auch Polizistin werden, wenn ich …«
Ich höre ihren Selbstgesprächen nicht mehr zu, sondern steige kopfschüttelnd aus, um zu sehen, was sie mit ihm macht. Meine Schuhe versinken sofort in einer Pfütze, deshalb trete ich auf den Asphalt und komme mir total nutzlos vor. Bist du ja auch, du Idiot. Lässt dir von einem Mädchen, ich räuspere mich, von einer Frau das Auto reparieren.
»Woher weißt du, was du machen musst?«, frage ich gegen den immer stärker werdenden Wind. Nicole hebt den Kopf und schraubt grinsend die Flasche zu.
»Das ist leicht, er hatte nicht genug Kühlwasser. Bis nach Hause sollte es reichen.« Sie schlägt die Motorhaube zu.
»Und warum nennst du ihn er?«
Nicole grinst. »Machst du doch auch.«
Jetzt dreht sie sich um und marschiert zurück zur Beifahrertür, während ich noch verdutzt auf die Windschutzscheibe starre, bis Greta ihren Kopf aus dem hinteren Fenster steckt.
»Mark! Wir wollen heim!«
»Äh ja.« Eilig steige ich in den Wagen und Nicole lächelt ein wunderschönes Lächeln, das mir plötzlich durch und durch geht und meine Knie zu Pudding werden lässt. Ihre Augen strahlen sogar in diesem Mistwetter.
Heilige Scheiße, sie ist die Schwester meines Kumpels. Ich kenne sie seit der Schulzeit, wir haben schon früher zusammen abgehangen, aber ich habe sie noch nie so gesehen.
Ich streiche mir die triefenden Haare aus dem Gesicht und starte den Motor, der nach einem kurzen Stottern wieder anspringt.
»Ja! Nicole hat es geschafft!« Greta klatscht aufgeregt. »Jetzt muss Mark dich zum Essen einladen!«
»Was?« Irritiert drehe ich mich zu meiner Schwester um. »Warum?«
»Weil sie dein Auto repariert hat und du ein Gentleman bist.«
Ich blicke zu Nicole, die immer noch dieses wunderschöne Lächeln auf den vollen Lippen trägt. Ihre Augen sind ...
»Das musst du nicht«, murmelt sie.
»Doch muss er!«, beharrt Greta und ich würde ihr am liebsten den Hals umdrehen.
»Ich bin nächste Woche wieder in Tulliallan und Mark wird auch unterwegs sein«, erklärt sie mit einem Zwinkern zu meiner Schwester.
Der Geländewagen rumpelt auf die Straße und wir fahren durch den strömenden Regen bis nach Hause.