Sarina Grace Scott
emotional lovestories
ALBA - Schottland Love Reihe
Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem vierten Teil meiner ALBA Reihe für dich.
Kapitel 3
Gavin
Nach dem Wochenende mit Grandma, an dem ich Dads Motorrad tatsächlich zum Laufen gebracht und eine Spritztour unternommen habe, muss Brandon wieder arbeiten, deshalb fahren wir zurück nach Toronto. Mein Bruder will noch ins Büro, um seiner Chefin zu beweisen, wie gerne er für sie arbeitet, wobei ich eher denke, dass er sich einschleimen will, aber das ist mir egal. Ich habe Urlaub und den werde ich genießen. Er schmeißt mich an seiner Wohnung raus, also schnappe ich mir meine Gitarre und mache mich auf den Weg in die Innenstadt. Ich muss wieder an das kleine Mädchen vom Flughafen denken, die gesagt hat, dass ich etwas spielen soll, und genau das werde ich jetzt tun.
Im Queen’s Park suche ich mir einen Platz unter einem großen Baum und versinke kurz darauf in meiner Melodie. Ich wechsele zwischen ein paar bekannten Charthits und spiele dann einige Songs von Alba. Die Menschen bleiben stehen, werfen Münzen – sogar ein paar Scheine – in meinen Gitarrenkoffer und zwei kleine Mädchen tanzen vor mir in der Sonne. Bei einem Titel von meinem Vater strahlt eine ältere Dame, die auf der Sitzfläche ihres Rollators Platz genommen hat, und klatscht begeistert.
Nachdem ich geendet habe, stemmt sie sich hoch und streckt ihre Hand zu mir aus.
»Das war wunderbar, ich liebe diese Musik.« Als sie meine Hand loslässt, nickt sie mir zu und ich sehe, dass sie mir einhundert Dollar zugesteckt hat.
»Vielen Dank, das ist sehr großzügig«, murmele ich überwältigt darüber, dass ihr meine Version eines uralten Songs von Dad so viel bedeutet.
»Oh, Sie kommen aus Schottland?« Vermutlich hat sie meinen Akzent erkannt, deshalb strahlt sie noch ein bisschen heller.
»Ja, das stimmt.«
»Wie wunderbar. Können Sie noch mehr Titel von Nathan Jones spielen?«
Die Musik meines Vaters hat ihre Anfänge auf den Farmen rund um den Lake Simcoe und den Lake Huron genommen, während er mit Carl bei kleineren Veranstaltungen aufgetreten ist. Vielleicht war sie bei einer davon dabei.
»Sehr gerne«, antworte ich grinsend und stütze sie auf dem kurzen Stück zurück zu ihrem Rollator. Ich warte, bis sie wieder sitzt, bevor ich mich umdrehe und ihren Wunsch erfülle. Ich liebe die Musik meines Vaters und ich weiß, was sie den Menschen bedeutet, aber ich habe noch nie so viel Enthusiasmus erlebt. Die beiden Mädchen drehen sich immer wieder im Kreis, ein junger Mann bittet seine Freundin um einen Tanz und die alte Dame träumt vielleicht von einer Zeit, in der sie selbst noch tanzen konnte.
»Hier bist du, Granny, Himmel, ich habe ...« Plötzlich taucht eine junge Frau neben ihr auf, schiebt sich ihre Sonnenbrille in ihre blonden Haare und betrachtet ihre Oma besorgt. »Du sollst doch nicht weglaufen.«
»Ach Ella, Kindchen, ich bin schon groß und kann auf mich aufpassen«, kichert die Dame, während sie den Arm der Blonden tätschelt. »Dieser nette junge Mann stammt aus Schottland und er spielt ganz wunderbare Songs von Nathan Jones. Hör ihn dir an.« Die Blonde wendet sich zu mir und mich trifft fast der Schlag. Wow. Ihre Augen leuchten wie hellblaues Eis.
»Spielen Sie noch einen Titel. Ella liebt Nathan Jones genauso wie ich!« Die Dame deutet auf meine Gitarre.
»Aber Granny, wir müssen los. Ray wartet schon.«
»Ich möchte noch einen Song hören und du solltest das auch.« Sie weiß genau, was sie will, und dagegen ist ihre Enkelin machtlos. Grinsend trinke ich einen Schluck Wasser und überlege kurz, welcher Song auch der Jüngeren gefallen könnte.
Ihre Oma wippt mit klappernden Armreifen und einem strahlenden Lächeln im Takt und auch die Blonde scheint meine Musik zu mögen. Ihr Lächeln reicht von einem Ohr zum anderen und ihre Augen sind der absolute Wahnsinn, deshalb muss ich mich echt auf meine Griffe konzentrieren. Nur gut, dass ich nicht singe, sonst würde ich den Text vergessen, weil sie mich so ablenkt.
Ich war sechszehn, als Dad gestorben ist, vermutlich hat sie ihn nie live gesehen, ihre Großmutter hingegen schon. Die Tatsache, dass beide meine instrumentalen Versionen lieben, macht mich wahnsinnig stolz.
»Wir müssen leider los«, murmelt die Dame, nachdem ich geendet habe, und stemmt sich hoch. Ihre Enkelin stützt sie, bis sie wieder hinter ihrem Rollator steht.
»Ich danke Ihnen, junger Mann. Sie haben meinen Tag gerettet, im Seniorenheim ist es furchtbar langweilig, müssen Sie wissen, deshalb gehe ich manchmal …«
Die Blonde seufzt. »Du gehst nicht, du läufst weg, Granny, und alle haben schreckliche Angst um dich.« Sie dreht sich zu mir. »Danke. Das war toll. Spielst du öfter hier?«
»Bisher nicht, aber ich könnte wiederkommen«, antworte ich ehrlich.
Sie lächelt. »Schön, vielleicht sehen wir uns ja nochmal.« Damit wendet sie sich ab und begleitet ihre Oma zum Ausgang des Parks. Seufzend lehne ich mich an den Baum hinter mir und stecke mir eine Zigarette an, während die Süße und ihre Oma an der Straße in eine schwarze Limousine steigen.
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Abends, nachdem die letzten Passanten gegangen sind, nehme ich mir das Notizbuch und setze mich auf eine Parkbank, um meine Ideen aufzuschreiben. Ich lege meine Gitarre auf den Schoß, fummele ein Plektrum aus der Streichholzschachtel, die mir Dad geschenkt hat, und spiele ein paar Noten dazu, während ich leise vor mich hin summe.
»Warum singst du nicht?«, fragt auf einmal eine Stimme. Ich hebe den Blick und sehe die junge Frau von heute Nachmittag vor mir stehen.
»Keine Ahnung, weil ich es nicht kann?«, antworte ich schulterzuckend.
»Aber du schreibst einen Song?« Neugierig deutet sie auf die Notizen.
»Ich versuche es zumindest«, gebe ich zu, obwohl ich die Inspiration, die mein Vater in Mum und uns Kindern gesehen hat, natürlich nicht habe.
»Darf ich?«, fragt sie. »Oder störe ich dich?«
»Ähm, nein, ich …« Ich deute auf die Bank. »Klar, setz dich.«
Sie lässt ihre Tasche sinken, bevor sie sich neben mich setzt, und mich herausfordernd ansieht. »Machst du nicht weiter?«
»Doch ich ...« Ich lese die letzten Worte ein weiteres Mal, lege das Notizbuch neben mich und lasse meine Finger über die Saiten gleiten.
Ein wunderschönes Lächeln bildet sich auf ihren Lippen, als ich anfange zu spielen.
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Auch in den nächsten Wochen gehe ich, während Brandon arbeitet, jeden Tag in den Park. Ich spiele meine Songs, die meines Vaters und ein paar Titel von Alba. Ich bekomme Geld und Komplimente von Passanten. Ein paar Typen geben mir ein Bier aus und eine junge Tänzerin tritt mit mir auf, um ebenfalls etwas Kohle, abzugreifen. Trotzdem dauert es zwei Tage, bis ich die Süße mit den Eisaugen wieder unter den Zuhörern entdecke. Sie trägt Shorts, ein Top unter einem karierten Hemd und Cowboy-Stiefel. Ihre Haare sind nur zum Teil zusammengebunden und sie hat ein paar Einkaufstüten dabei. Als sich unsere Blicke treffen, schenkt sie mir ein sexy Lächeln. Mit einem Zwinkern spiele ich den Song, den sie mit ihrer Oma beim letzten Mal gefeiert hat, wechsele dann zu einem schnelleren Song, der die Leute klatschen lässt, während die Blonde von einem Ohr zum anderen strahlt. Nach einem Liebeslied, das Dad für Mum geschrieben hat, nachdem mein jüngster Bruder Nolan geboren wurde, hebe ich den Kopf, aber die Süße mit den Wahnsinnsaugen ist verschwunden. Schade eigentlich.
Ich beobachte die Tänzerin, die darauf wartet, dass ich weiterspiele, aber ich brauche zuerst etwas zu trinken, deshalb drehe ich mich zu meinem Rucksack um. Meine Wasserflasche ist allerdings leer, also fingere ich nach meinem Geld, um mir am Kiosk neben der nächsten Weggabelung etwas zu kaufen.
»Hier.« Plötzlich steht die sexy Blondine wieder neben mir und reicht mir eine Flasche Wasser.
»Danke.« Die Plastikflasche ist eiskalt und die Flüssigkeit tut gut. Sie lässt mich nicht aus den Augen, deshalb halte ich ihr das Wasser hin. »Willst du auch?«
Sie schüttelt den Kopf und hebt eine Dose Pepsi an. »Spielst du weiter?«
»Na klar.« Ich stelle das Wasser neben meinen Rucksack, schnappe mir meine Gitarre und warte, bis sie sich in den Schatten gegenüber gesetzt hat.
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Am Wochenende fahren Brandon und ich wieder nach Barrie, um Grandma abzuholen und mit Dads Auto durch die Gegend zu cruisen. Wir laden sie ins Kino und zum Essen ein und räumen die Garage auf. Sonntag düse ich mit dem Motorrad entlang des Lake Huron und genieße die frische Luft genauso wie die Freiheit. Daheim würde das Motorrad auch Spaß machen, vielleicht sollte ich mich mal informieren, wie man die Maschine nach Schottland überführen kann und was mich der Spaß kosten würde.
Abends sitze ich wieder auf dem Balkon mit Ausblick auf den See und tüftele an meinem Song, komme allerdings nicht weit, weil Brandon mir die Notizen abnimmt.
»Das klingt gut, was ist das?« Er lässt sich auf den Platz gegenüber fallen. »Spiel nochmal.«
»Gibst du mir dann das Buch zurück?«
»Mal sehen.« Er deutet auf meine Gitarre. »Mach schon.«
Während ich spiele, stelle ich mir immer Dads Stimme dazu vor, aber dann höre ich plötzlich Brandon singen und starre ihn überrascht an. Das hat er seit Dads Tod nicht mehr gemacht. Ohne mein Spiel zu unterbrechen, geht der Song, weil er noch nicht fertig ist, in einen anderen über und Brandon singt einfach weiter. Früher in der Schule habe ich ihn damit aufgezogen, dass er im Kirchenchor singt und behauptet, dass er so nie ein Mädchen finden wird. Heute bereue ich diese Worte, denn mein Bruder ist der Hammer und er klingt genau wie Dad.
Ich beende meinen Song, weil ich einen Schatten bemerkt habe, und hebe den Kopf.
»Das war wunderschön«, murmelt Grandma, die uns von der Tür aus beobachtet hat, und jetzt näherkommt. Sie berührt meinen Arm und küsst meine Wange, dann lehnt sie sich zu Brandon, um ihm ebenfalls einen Kuss zu geben. »Ihr habt sehr viel Talent von Nate geerbt, das solltet ihr nutzen.« Mit einem Lächeln setzt sie sich zu uns und zieht ihre Strickjacke enger um sich, weil ein kühler Wind vom See weht. »Spielt nochmal.«
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Zurück in Toronto gehen wir mit ein paar Kollegen von Brandon feiern und ich komme am nächsten Tag erst später in den Park, deshalb ist mein Stammplatz unter dem großen Baum durch einen Pantomimekünstler und einen Zauberer belegt. Mit dem Gitarrenkoffer in der Hand schlendere ich über die Wege, um mir einen anderen Platz für meinen Auftritt zu suchen.
»Wo gehst du hin?«, fragt ihre samtweiche Stimme hinter mir. »Bist du schon fertig?«
Ich drehe mich um und blicke in die unglaublichen Augen der süßen Blonden.
»Nein, auf meinem Stammplatz wird heute gezaubert«, antworte ich schulterzuckend.
»Auf der anderen Seite, bei der Metrostation, stehen auch manchmal Musiker.«
»Du kennst dich hier aus, hm?«
»Ja«, antwortet sie lachend.
»Wie heißt du?«, frage ich. Obwohl wir schon miteinander über Musik und Kanada gesprochen haben, hat sie mir nicht ihren Namen verraten.
»Ella«, antwortet sie, während wir gemeinsam in die von ihr angezeigte Richtung schlendern.
Sie trägt heute Jeans, ein weißes Shirt und um ihren Hals baumeln Kopfhörer. So wie bei mir. Wenn ich keine Musik mache, höre ich sie.
Ich kann nicht ohne.
»Und was machst du sonst so, wenn du nicht mit fremden Straßenmusikern quatschst, Ella?«
»Ich frage ihn nach seinem Namen«, antwortet sie kichernd, weil ich sie zwar nach ihrem gefragt, mich aber nicht selbst vorgestellt habe.
»Gavin.« Wir erreichen eine halbhohe Mauer am Eingang des Parks, wo ich meinen Gitarrenkoffer abstelle, bevor ich mich zu ihr umdrehe. »Wie kommt es, dass eine junge Frau so sehr auf die Musik von Nathan Jones steht?«
»Na ja, du hast meine Oma getroffen und mein Dad ist quasi sein größter Fan.« Sie schwingt ihren sexy Hintern auf die Mauer. »Das färbt ab.«
Aus einer Streichholzschachtel ziehe ich ein Gitarrenplättchen hervor, klemme es mir zwischen die Zähne und lausche ihrer Erzählung darüber, dass ihr Dad sämtliche Platten von meinem Vater hat und sie wie einen Schatz pflegt. In Glasgow arbeite ich in einem Plattenladen und es ist immer wieder toll, dass die Menschen auch nach so langer Zeit noch seine Musik kaufen.
»Ich würde gerne mal nach Schottland«, murmelt sie, nachdem ich die Gitarre, die ich heute zum ersten Mal ausprobieren werde, gestimmt habe.
»Was hindert dich daran? Es ist ein wunderschönes Land.«
Seufzend zuckt sie die Schultern. »Ich habe kein Geld, keinen Job und …« Sie winkt ab. »Ach egal.«
»Das sind zwei Dinge, an denen man etwas ändern kann, wenn man es will.« Ich hänge mir die Gitarre um und Ella streckt ihre Finger aus, um die Initialen auf dem Instrument nachzufahren. RJ. Das J ist kaum noch zu erkennen, deshalb sieht sie mich fragend an.
»Für was steht das?« Nur wenige Fans wissen, dass mein Dad immer die Initialen meiner Mutter auf seine Instrumente eingraviert hat.
»Rosie?«
Ich schüttele den Kopf.
»Rachel?«, versucht sie es weiter.
»Nein, das R steht für Rebecca.«
»Oh.« Sie hält inne, starrt mich überrascht an und lässt dann die Finger sinken. »Deine Freundin?«
»Meine Mutter.« So habe ich sie, genau wie Dad, immer bei mir.
Ella lächelt. »Das ist total schön.«
Ich stehe auf. »Was ist dein Lieblingssong?«
»Take My Hand«, antwortet sie, ohne zu zögern, und ich reiche ihr daraufhin meine Hand.
»Na dann los.«
Im Video zu diesem Song tanzen Mum und Dad am Strand zuhause. Sie wollte sich zuerst nicht zeigen, weil sie zu dieser Zeit mit mir schwanger war, was man aber im Video erst zum Schluss erkennen kann. Es war die Verkündung, dass Nathan Jones und seine Frau ihr zweites Kind erwarten und er endgültig zu ihr nach Schottland zieht. Die Fans und die Presse lieben diesen Song. Genau wie Ella, die sich zur Melodie in der Sonne bewegt und dabei echt heiß aussieht.